Blog

Zoo Kreuzberg

Heute schien zwischendurch die Sonne, die Vögel machten Frühlingskrach und es fühlte sich ein bisschen weniger kalt an, als es war. Es gibt Momente, in denen man spürt, dass die Stadt nur ein Haufen Häuser und Straßen sind, die in der Natur rumstehen.

Berliner Sprayer-Text: Kreuzberg Zoo

Mit etwas Glück sieht man auch Tiere, und zwar nicht nur Hunde, Tauben und Ratten. Fledermäuse zum Beispiel, Fischreiher, Wasserschildkröten, einen Fuchs: Alles schon gesehen, mitten in Kreuzberg. Diese hier sind zwar nicht echt, ließen sich aber leichter fotografieren.

Waschbär an Berliner Wand

Zwei Gänse als Schablonenkunst an Berliner Hauswand

Gelbe Quietscheente an Berliner Wand
Katze als Fellapplikation am Kreuzberger Spreewaldbad

Schönes Bild einer possierlichen Ratte auf einer himmelblauen Tür in Berlin Bild einer Taube auf einer blauen Haustür in Berlin

Wochenendlektüre: Link- und Lesetipps

 

Sylvia Plath

Sylvia Plath, 1932 – 1963

Am Montag vor 50 Jahren ist die amerikanische Dichterin und Schriftstellerin Sylvia Plath gestorben. Ich habe Plath im Studium kennen gelernt, in einem Seminar über „Modern American Women Poets“, von denen sich leider mehrere umgebracht haben, auch Plath. Sie ist in Deutschland, wie ich las, vor allem für ihren Roman Die Glasglocke (The Bell Jar) bekannt, war aber eine der bedeutendsten (wer auch immer das bestimmt) englischsprachigen Dichterinnen der Moderne, die sehr eigene, teilweise bis zur Garstigkeit schonungslose und gleichzeitig schöne Gedichte geschrieben hat. Die heutigen Link- und Lesetipps sind also Sylvia Plath gewidmet.

Zum Einstieg: Ein Spiegel-Artikel über Plaths Leben (mit Fotostrecke)

Und etwas ausführlicher: Kurzbiographie und mehr auf der Website der Poetry Foundation.

Sylvia Plath hat seit ihrer Kindheit Tagebücher geschrieben, auch als literarische Übung. Die Bände aus der letzten Zeit vor ihrem Tod sind verschwunden. The Quicksand of Existence ist eine Betrachtung zu den veröffentlichten Unabridged Journals.

In Sylvia Plath’s Joy interpretiert der Schriftsteller Dan Chiasson Plaths Gedicht „Ariel“ (und einzelne Stellen aus anderen), in dem er das Leben und Schreiben in einem Haus mit Kindern hört.

Eher düster als joyous, aber interessant: ein Video der Künstlerin Sandra Lahire mit Originalaufnahmen von Plath, die einige ihrer Gedichte vorträgt.

Noch mehr Gedichte, von Plath selbst vorgetragen, gibt es beim Poetry Archive und auf Youtube. Ich finde es sehr spannend, sie die Gedichte lesen zu hören – ihre präzise Aussprache ist sehr eindringlich. Trotzdem würde ich sie auf jeden Fall auch lesen – es gibt mindestens eine zweisprachige Ausgabe von Ariel und auch einen Band mit dem Titel Liebesgedichte: Zweisprachig, von dem ich nicht weiß, welche Gedichte er enthält.

Ich finde, man liest im Alltag sowieso viel zu wenig Gedichte. Das lässt sich leicht ändern!

Schreiben: Qual oder Trost? Freud‘ oder Leid?

Spruch an Berliner Hauseingang: Bist du glücklich? Nie!

Philip Roth riet angeblich vor Kurzem einem jungen Autor, mit dem Schreiben aufzuhören, solange er noch könne, denn es sei die reine Qual. So berichtet es der junge Autor in einem Artikel für die Paris Review. Daraufhin schrieb Elizabeth Gilbert, Autorin von Eat, Pray, Love  einen Artikel, in dem sie Roth vehement widerspricht und Schreiben als so ziemlich besten Beruf der Welt bezeichnet.

Eigentlich geht Gilberts Roth-Replik etwas an dem vorbei, was Roth eventuell gesagt haben mag. Denn dass „Schriftsteller“ ein toller Beruf mit vielen Freiheiten ist, bedeutet ja nicht, dass „Schreiben“ nicht auch qualvoll sein kann. Für manche Menschen jedenfalls. Qualvoll („torture“ – Roth), nicht schwierig („difficult“ – Gilbert). Gilbert schreibt: „But zero dollars or many dollars, I can honestly say it’s the best life there is, because you get to live within the realm of your own mind, and that is a profoundly rare human privilege“ (Gilberts Hervorhebung). Für mich klingt es so, als habe Elizabeth Gilbert ein recht sonniges Gemüt, eine Innenwelt, in der sich aufzuhalten die reine Freude ist (ich übertreibe mal etwas). Philip Roth dagegen eher nicht. Den Schluss legt auch ein Vergleich der beiden Poträtfotos (oberflächlich) nahe, die über dem Gilbert-Artikel zu bewundern sind.

Ich mag Philip Roths Bücher lieber als die von Elizabeth Gilbert. Liegt das an ihren unterschiedlichen (von mir gerade unterstellten) Grundhaltungen dem Leben und Schreiben gegenüber? Und würde das bedeuten, dass Qual oder ein qualvoller Schreibprozess bessere Bücher ergeben? Ich weiß es nicht. A.L. Kennedy  erklärte vor einiger Zeit im Guardian, warum sie den „Mythos des leidenden Künstlers“ verabscheut. Recht hat sie! Leiden um des Leidens willen oder weil man denkt, sonst keine große Kunst zu produzieren – das kann es nicht sein.

Aber ich glaube auch, dass viele Leute schreiben (oder malen, Musik machen, …), um sich weniger allein zu fühlen, um sich mitzuteilen und um aus Verwirrung oder Ratlosigkeit so etwas wie Sinn und (komplexe) Symmetrien zu schaffen. Das muss keine Qual sein. Die Qual wäre vielleicht, es nicht zu tun.

Allerdings:

Text an Berliner Wand: Das ist nicht zuende gedacht

Mehr zum Thema: Buchempfehlung für kreative Menschen mit Hang zu Stimmungstiefs: The Van Gogh Blues

Scrivener: das weltbeste Schreibprogramm

Manche Leute, die Romane schreiben, denken sich als allererstes die komplette Handlung aus. (Man nennt das „Plotten“, ich weiß, aber ich finde das Wort blöd.) Sie wissen dann, was am Anfang passiert und was am Ende raus kommt und welche Turbulenzen dazwischen stehen. Andere schreiben erstmal das, was ihnen einfällt, und vertrauen darauf, dass sie am Ende einen Roman haben. Das kann beides gut funktionieren, genau wie die vielen Zwischenformen:

  • nur grob die Handlung ausdenken und dann gucken, was so passiert
  • ein paar Szenen schreiben, dann überlegen, in welcher Beziehung die zueinander stehen, dann weiter schreiben
  • nach der „Snowflake Method“ schreiben, indem man zuerst eine sehr grobe Handlung entwirft und die dann immer feiner ausarbeitet, bis zur Ebene der einzelnen Szene/des einzelnen Dialogs

All das klingt sehr technisch und als wollte ich eine Anleitung zum Romanschreiben geben. Will ich aber nicht. Ich möchte vielmehr ein Schreibprogramm vorstellen, das mir sehr ans Herz gewachsen ist und das beim Schreiben, Sortieren und Strukturieren ungemein hilft – und zwar ganz egal, wie man am liebsten vorgeht. Es heißt:

Scrivener

und ist mehr als eine Textverarbeitung. Um nicht zu sagen: Es ist gar keine Textverarbeitung (noch so ein unangenehmes Wort). Es ist wirklich ein Schreibprogramm. Und warum ist es so toll?

Erstens: Weil man mit Scrivener für jede Szene oder jedes Kapitel ein einzelnes Dokument anlegen, aber alle Dokumente immer im Blick haben kann. Klingt unübersichtlich, ist es aber nicht: Ähnlich wie bei einem Mailprogramm sieht man links die Liste der verschiedenen Dokumente (Szenen/Kapitel/Notizen). In der Mitte ist ein großes Fenster, das entweder der Text (soweit vorhanden) des aktuellen Dokuments anzeigt:

Scrivener Screenshot mit Textfenster

Scrivener-Ansicht mit Textfenster in der Mitte. Zum Vergrößern aufs Bild klicken.

… oder eine „Pinnwand“ an der für jedes Dokument eine kleine Karteikarte hängt. Den Text, der auf den Karteikarten steht, legt man selbst fest – man gibt ihn einfach in das oberste Feld auf der rechten Seite ein.

Scrivener Screenshot Pinnwand

Scrivener-Ansicht mit Übersichts-Pinnwand. Zum Vergrößern aufs Bild klicken.

Außerdem kann man auf der rechten Seite noch verschiedene Metainformationen zum einzelnen Dokument oder zum gesamten Projekt eingeben.

„Planer“ werden wahrscheinlich am liebsten zuerst mit den Pinnwand-Karten eine Handlungsübersicht erstellen. „Spontanschreiber“ (klingt auch doof, aber ich hab jetzt zwei Minuten nachgedacht, und mir fällt kein besseres Wort ein) dagegen können nach Belieben ihre Szenen schreiben und erst hinterher sortieren. Die Farbe der Pinnwand lässt sich übrigens verändern, die muss nicht wie Kork aussehen.

Zweitens: Weil man dank dieser genialen Grundidee einzelne Szenen nach Belieben hin und her schieben, bearbeiten und in verschiedenen Versionen anlegen kann, ohne sich dabei rettungslos in einem Wust aus Ordnern, Dateien und geöffneten Fenstern zu verlieren.

Drittens: Weil es einen Fullscreen-Modus gibt, in dem man diese ganzen schönen Übersichten gar nicht sieht, sondern nur den Text, den man gerade schreibt. Noch toller: Dieser Fullscreen-Modus lässt sich so einstellen, dass der Cursor immer auf derselben Bildschirmhöhe bleibt. Der geschriebene Text rückt sozusagen immer weiter nach oben – genau so, als wenn man auf richtigen Schreibmaschine schreibt. Also nicht so wie bei Word, wo man im Zweifelsfall immer am untersten Bildschirmrand rumkrebst.

Viertens bis unendlich: Wegen der vielen anderen Funktionen, die ich, obwohl ich gerade mein zweites Buch mit Scrivener schreibe, noch gar nicht alle kenne. Was ich aber weiß und schätze:

  • Man kann Dokumente unterschiedlich markieren, z.B. verschiedene Farben für verschiedene Erzählperspektiven
  • Man kann Dokumenten (in meinem Fall sind das meistens Szenen oder Kapitel) unterschiedliche Bearbeitungsstadien zuteilen („Entwurf“/“noch bearbeiten“/was immer einem einfällt)
  • Man kann das gesamte Projekt als Ganzes oder eine beliebige Auswahl an Dokumenten selbstverständlich in verschiedene Dateiformate exportieren und dabei wählen, ob Metainformationen wie Zusammenfassungen, Notizen etc. mit exportiert werden sollen
  • Es gibt verschiedene Formatvorlagen, z.B. für Drehbücher

Mac oder Windows?

Scrivener wurde ursprünglich für den Mac programmiert, es gibt aber seit einiger Zeit auch eine Windows-Version (läuft auch unter Windows 8). Die beiden Versionen sind nicht ganz identisch, aber sehr ähnlich. Mit der kostenlosen Testversion kann man Scrivener 30 Tage ausprobieren – und dabei zählen nur die Tage, an denen man das Programm tatsächlich startet. Um danach weiter zu arbeiten, braucht man eine Lizenz, die 45 $ kostet. Also nicht besonders teuer, wie ich finde. Wer es nicht kaufen will, sollte dran denken, am letzten Nutzungstag seine Texte zu exportieren!

P.S.: Die Screenshots stammen von einem alten Projekt, nämlich dem zweisprachigen Jugendroman New Orleans Love Magic für die Langenscheidt-Reihe „Girls in Love“. Den hatte ich zuerst einmal komplett durchstrukturiert (das musste so sein). Mein jetziges Buch schreibe ich ganz anders – aber auch mit Scrivener.

Wochenendlektüre: Link- und Lesetipps

„Wenn man ein Buch schreibt, bei dem man nicht immer wieder mal hell auflachen muss, dann ist es sicher nicht gut“: ZEIT-Interview mit Rainald Goetz.

Der New Yorker wirft einen Blick auf die deutsche Diskussion um rassistische Sprache in Kinderbüchern.

Hilary Mantels Roman Wölfe (Original: Wolf Hall) ist aus der Sicht von Thomas Cromwell geschrieben, dem Berater von Heinrich VIII. Für mich ist Mantel eine Meisterin der Perspektive und ihre Bücher der Beweis, dass historische Romane keine schröddeligen, von umherziehenden Prostituierten oder anderen abstrusen Berufsgruppen übervölkerten Schmonzetten sein müssen. Noch lieber als Wolf Hall mochte ich A Place of Greater Safety, Mantels Roman über die französische Revolution (dt.: Brüder). Derzeit räumt sie mit Bring Up the Bodies, der Fortsetzung von Woolf Hall Literaturpreise ab. Auf Deutsch erscheint Bring Up the Bodies Ende Februar unter dem Titel Falken. Damit die dusselige deutsche Leserschaft auch gleich erkennt, dass es sich hier um eine Fortsetzung handelt. Da wird dem englischsprachigen Publikum mehr zugetraut, nämlich nicht nur ein komplexerer Titel, sondern auch ein Titelbild, das nicht fast identisch ist mit dem Vorgänger.

Blooomers sind Unterhosen. Late bloomers dagegen sind Spätblüher und im übertragenen Sinne Menschen, die ihr volles Potenzial erst spät entfalten. Aber was heißt schon „spät“ – das fragt zumindest die Website Bloom, deren Tagline lautet: „“‚Late‘ according to whom?“ Bloom ist Autoren gewidmet, die entweder überhaupt erst spät angefangen haben zu schreiben oder die ihren literarischen Durchbruch erst spät im Leben hatten. Sehr ermutigend!

Und zum Schluss eine rätselhafte Botschaft aus dem Kunsthaus Bethanien:

Text an einer Kachel im Bethanien, Berlin: "Die da sagen, es wäre einfach, bis da war es nur schwer und ab hier hab ich keine Lust mehr"