Scrivener: das weltbeste Schreibprogramm

Manche Leute, die Romane schreiben, denken sich als allererstes die komplette Handlung aus. (Man nennt das „Plotten“, ich weiß, aber ich finde das Wort blöd.) Sie wissen dann, was am Anfang passiert und was am Ende raus kommt und welche Turbulenzen dazwischen stehen. Andere schreiben erstmal das, was ihnen einfällt, und vertrauen darauf, dass sie am Ende einen Roman haben. Das kann beides gut funktionieren, genau wie die vielen Zwischenformen:

  • nur grob die Handlung ausdenken und dann gucken, was so passiert
  • ein paar Szenen schreiben, dann überlegen, in welcher Beziehung die zueinander stehen, dann weiter schreiben
  • nach der „Snowflake Method“ schreiben, indem man zuerst eine sehr grobe Handlung entwirft und die dann immer feiner ausarbeitet, bis zur Ebene der einzelnen Szene/des einzelnen Dialogs

All das klingt sehr technisch und als wollte ich eine Anleitung zum Romanschreiben geben. Will ich aber nicht. Ich möchte vielmehr ein Schreibprogramm vorstellen, das mir sehr ans Herz gewachsen ist und das beim Schreiben, Sortieren und Strukturieren ungemein hilft – und zwar ganz egal, wie man am liebsten vorgeht. Es heißt:

Scrivener

und ist mehr als eine Textverarbeitung. Um nicht zu sagen: Es ist gar keine Textverarbeitung (noch so ein unangenehmes Wort). Es ist wirklich ein Schreibprogramm. Und warum ist es so toll?

Erstens: Weil man mit Scrivener für jede Szene oder jedes Kapitel ein einzelnes Dokument anlegen, aber alle Dokumente immer im Blick haben kann. Klingt unübersichtlich, ist es aber nicht: Ähnlich wie bei einem Mailprogramm sieht man links die Liste der verschiedenen Dokumente (Szenen/Kapitel/Notizen). In der Mitte ist ein großes Fenster, das entweder der Text (soweit vorhanden) des aktuellen Dokuments anzeigt:

Scrivener Screenshot mit Textfenster

Scrivener-Ansicht mit Textfenster in der Mitte. Zum Vergrößern aufs Bild klicken.

… oder eine „Pinnwand“ an der für jedes Dokument eine kleine Karteikarte hängt. Den Text, der auf den Karteikarten steht, legt man selbst fest – man gibt ihn einfach in das oberste Feld auf der rechten Seite ein.

Scrivener Screenshot Pinnwand

Scrivener-Ansicht mit Übersichts-Pinnwand. Zum Vergrößern aufs Bild klicken.

Außerdem kann man auf der rechten Seite noch verschiedene Metainformationen zum einzelnen Dokument oder zum gesamten Projekt eingeben.

„Planer“ werden wahrscheinlich am liebsten zuerst mit den Pinnwand-Karten eine Handlungsübersicht erstellen. „Spontanschreiber“ (klingt auch doof, aber ich hab jetzt zwei Minuten nachgedacht, und mir fällt kein besseres Wort ein) dagegen können nach Belieben ihre Szenen schreiben und erst hinterher sortieren. Die Farbe der Pinnwand lässt sich übrigens verändern, die muss nicht wie Kork aussehen.

Zweitens: Weil man dank dieser genialen Grundidee einzelne Szenen nach Belieben hin und her schieben, bearbeiten und in verschiedenen Versionen anlegen kann, ohne sich dabei rettungslos in einem Wust aus Ordnern, Dateien und geöffneten Fenstern zu verlieren.

Drittens: Weil es einen Fullscreen-Modus gibt, in dem man diese ganzen schönen Übersichten gar nicht sieht, sondern nur den Text, den man gerade schreibt. Noch toller: Dieser Fullscreen-Modus lässt sich so einstellen, dass der Cursor immer auf derselben Bildschirmhöhe bleibt. Der geschriebene Text rückt sozusagen immer weiter nach oben – genau so, als wenn man auf richtigen Schreibmaschine schreibt. Also nicht so wie bei Word, wo man im Zweifelsfall immer am untersten Bildschirmrand rumkrebst.

Viertens bis unendlich: Wegen der vielen anderen Funktionen, die ich, obwohl ich gerade mein zweites Buch mit Scrivener schreibe, noch gar nicht alle kenne. Was ich aber weiß und schätze:

  • Man kann Dokumente unterschiedlich markieren, z.B. verschiedene Farben für verschiedene Erzählperspektiven
  • Man kann Dokumenten (in meinem Fall sind das meistens Szenen oder Kapitel) unterschiedliche Bearbeitungsstadien zuteilen („Entwurf“/“noch bearbeiten“/was immer einem einfällt)
  • Man kann das gesamte Projekt als Ganzes oder eine beliebige Auswahl an Dokumenten selbstverständlich in verschiedene Dateiformate exportieren und dabei wählen, ob Metainformationen wie Zusammenfassungen, Notizen etc. mit exportiert werden sollen
  • Es gibt verschiedene Formatvorlagen, z.B. für Drehbücher

Mac oder Windows?

Scrivener wurde ursprünglich für den Mac programmiert, es gibt aber seit einiger Zeit auch eine Windows-Version (läuft auch unter Windows 8). Die beiden Versionen sind nicht ganz identisch, aber sehr ähnlich. Mit der kostenlosen Testversion kann man Scrivener 30 Tage ausprobieren – und dabei zählen nur die Tage, an denen man das Programm tatsächlich startet. Um danach weiter zu arbeiten, braucht man eine Lizenz, die 45 $ kostet. Also nicht besonders teuer, wie ich finde. Wer es nicht kaufen will, sollte dran denken, am letzten Nutzungstag seine Texte zu exportieren!

P.S.: Die Screenshots stammen von einem alten Projekt, nämlich dem zweisprachigen Jugendroman New Orleans Love Magic für die Langenscheidt-Reihe „Girls in Love“. Den hatte ich zuerst einmal komplett durchstrukturiert (das musste so sein). Mein jetziges Buch schreibe ich ganz anders – aber auch mit Scrivener.

10 Comments

  1. Liebe Julia,

    Ich schreibe meist ganz schnöde in Word, obwohl ich auch Papyrus Autor besitze. Da ist aber seit der ersten Version so viel Neues dazugekommen, dass ich es langsam schwierig finde mich noch durchzuarbeiten, obwohl es echt praktisch ist, mit der Datenbankanbindung, etc.

    Aber deine Scrivener-Erklärung nebst Screenshots hat mein Interesse geweckt. Also wer ich mal testen, danke dir!

    Lieben Gruß
    Petra

    Kommentar by Petra A. Bauer | writingwoman.de on 12. Februar 2013 at 22:10

  2. Die letzte(n) Korrektur(en)/Überarbeitung(en) werde ich wahrscheinlich auch in Word machen, weil das in den vielen Einzeldateien schnell unübersichtlich wird. Hab ich jedenfalls bei diesem Langenscheidt-Buch so gemacht. Aber so weit bin ich jetzt noch nicht, das kann noch dauern. Was auch wirklich klasse ist an Scrivener: Man öffnet das Programm und ist genau an der Stelle, an der man zuletzt aufgehört hat. Das macht mich bei Word immer wahnsinnig, dass ich jedes Mal zur richtigen Stelle scrollen muss.

    Kommentar by RitterJulia on 13. Februar 2013 at 09:52

  3. Liebe Julia,

    danke für die detaillierte Vorstellung. Ich bin eine Drauflosschreiberin und arbeite zudem nach dem Puzzle-Prinzip. Da würde mich die Funktion mit der Pinnwand schon sehr reizen. Denn kürzlich hatte ich hier zig Karteikarten auf dem Boden verteilt, die ich hin- und hersortierte …

    Viele Grüße
    Andrea

    Kommentar by Andrea on 13. Februar 2013 at 08:33

  4. Haha, das mit den Karteikarten kenne ich auch – vor allem bin ich dann immer so faul, dass ich keine Lust hab, die alle vernünftig zu beschriften. Das geht mit Scrivener wirklich einfacher, finde ich. Wichtig ist dann bloß, dass der Bildschirm einigermaßen groß ist. Karteikarten (also die richtigen, anfassbaren) finde ich aber trotzdem super für neue Ideen. Nur im Nachhinein welche zu schon geschriebenen Szenen zu erstellen macht keinen Spaß.

    Kommentar by RitterJulia on 13. Februar 2013 at 09:55

  5. Jutta

    Hey, das klingt aber interessant! Meine Roman-schreib-Pläne hab ich zwar seit ca. 40 Jahren an den Nagel gehängt – aber das Programm scheint ja auch was für schnöde Businesstexte zu sein, oder?

    Kommentar by Jutta on 13. Februar 2013 at 11:37

  6. @ Jutta: Klar, man kann damit alle möglichen Texte schreiben. Ich glaube, Kathrin Passig und Sascha Lobo haben damit auch „Dinge geregelt kriegen“ geschrieben. Also für Sachbücher oder längere sonstige Texte ist es sicher auch super. Eigentlich für alles, was man irgendwie strukturieren muss.

    @ Susangeli: Du kannst die Texte in alle möglichen Formate exportieren, unter anderem auch .epub und .mobi. Das hab ich allerdings noch nie ausprobiert.

    Kommentar by RitterJulia on 13. Februar 2013 at 11:56

  7. Hi,
    mich würde interessieren, in welche Formate sich die Texte abspeichern lassen. Für ebooks mit kurzer Seitenanzahl wäre das eine Alternative zum Programm „Sigil“. So nach dem ersten Eindruck deines Artikels.. ;-)

    LG susangeli

    Kommentar by Susanne Angeli on 13. Februar 2013 at 11:40

  8. Liebe Julia, ich hasse Word, es ist ein unglaublich dämliches Programm. Das einzige, zu was es taugt, sind Korrekturen für Autoren zum Nachvollziehen. Ansonsten kann man das Programm in die Tonne treten … allein die Rechtschreibprüfung ist eine Zumutung.

    Nun bin ich heute hier gelandes, weil ich mir gerade Scrivener zum Testen runtergeladen habe. Hoffentlich steige ich da durch. Ich spreche zwar einigermaßen Englisch, aber die speziellen Begriffe muss ich trotzdem alle nachschlagen. Na ja, deine Screenshot helfen zumindest ein bisschen beim Verständnis. Was mich irritiert: es gibt zwar eine deutsche Benutzeroberfläche, das Probjekt selbst erscheint dann doch wieder mit englischen Begriffen … na ja, irgendwie werde ich das Kind schon schaukeln.
    Viele Grüße
    Renate

    Kommentar by Renate Blaes on 30. September 2014 at 13:28

  9. Hallo Renate, ja, wahrscheinlich haben sie noch nicht alle Teile von Scrivener übersetzt – das ist auch ganz schön kompliziert bzw. man muss eben dran denken, dass man sämtliche Befehle etc. auch übersetzen lässt, auch wenn was Neues dazu kommt. Wenn man es benutzt, dann braucht man (ich jedenfalls) aber nicht alle Befehle, sondern verwendet eigentlich immer so ziemlich dieselben. Darum würde ich mich davon nicht zu sehr abschrecken lassen, sondern die verschiedenen Begriffe nach und nach „lernen“, je nachdem, ob du sie überhaupt brauchst. Hoffentlich bessern sie dann die deutsche Version auch allmählich nach. So oder so wünsche ich dir viel Erfolg beim Schreiben!

    Kommentar by RitterJulia on 30. September 2014 at 13:37

  10. Jeannette

    Hallo Ihr Lieben, ich sammle seit Jahren diverse Word-Dateien auf meinem Rechner und komm aber nie zum „Großen Ganzen“ – nun teste ich Scrivener seit gestern und bin echt gespannt … Die kurze Einführung / Übersicht hier auf der Seite hat so wunderbar das englische (ächz) Scrivener – Tutorial zusammengefasst :) habe mich gestern durchgequält :)

    Wer es unübersichtlich findet, dass alle Kapitel einzeln unterteilt sind: ich habe gelernt, dass man in Scrivener mehrere Kapitel markieren kann, diese werden dann automatisch in der Ansicht zusammen angezeigt. Finde ich total genial ….!

    So, dann mache ich mich mal ans Werk … Liebe Grüße und schönes Wochenende Euch!

    Kommentar by Jeannette on 4. Oktober 2014 at 12:28

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