Schreiben: Qual oder Trost? Freud‘ oder Leid?

Spruch an Berliner Hauseingang: Bist du glücklich? Nie!

Philip Roth riet angeblich vor Kurzem einem jungen Autor, mit dem Schreiben aufzuhören, solange er noch könne, denn es sei die reine Qual. So berichtet es der junge Autor in einem Artikel für die Paris Review. Daraufhin schrieb Elizabeth Gilbert, Autorin von Eat, Pray, Love  einen Artikel, in dem sie Roth vehement widerspricht und Schreiben als so ziemlich besten Beruf der Welt bezeichnet.

Eigentlich geht Gilberts Roth-Replik etwas an dem vorbei, was Roth eventuell gesagt haben mag. Denn dass „Schriftsteller“ ein toller Beruf mit vielen Freiheiten ist, bedeutet ja nicht, dass „Schreiben“ nicht auch qualvoll sein kann. Für manche Menschen jedenfalls. Qualvoll („torture“ – Roth), nicht schwierig („difficult“ – Gilbert). Gilbert schreibt: „But zero dollars or many dollars, I can honestly say it’s the best life there is, because you get to live within the realm of your own mind, and that is a profoundly rare human privilege“ (Gilberts Hervorhebung). Für mich klingt es so, als habe Elizabeth Gilbert ein recht sonniges Gemüt, eine Innenwelt, in der sich aufzuhalten die reine Freude ist (ich übertreibe mal etwas). Philip Roth dagegen eher nicht. Den Schluss legt auch ein Vergleich der beiden Poträtfotos (oberflächlich) nahe, die über dem Gilbert-Artikel zu bewundern sind.

Ich mag Philip Roths Bücher lieber als die von Elizabeth Gilbert. Liegt das an ihren unterschiedlichen (von mir gerade unterstellten) Grundhaltungen dem Leben und Schreiben gegenüber? Und würde das bedeuten, dass Qual oder ein qualvoller Schreibprozess bessere Bücher ergeben? Ich weiß es nicht. A.L. Kennedy  erklärte vor einiger Zeit im Guardian, warum sie den „Mythos des leidenden Künstlers“ verabscheut. Recht hat sie! Leiden um des Leidens willen oder weil man denkt, sonst keine große Kunst zu produzieren – das kann es nicht sein.

Aber ich glaube auch, dass viele Leute schreiben (oder malen, Musik machen, …), um sich weniger allein zu fühlen, um sich mitzuteilen und um aus Verwirrung oder Ratlosigkeit so etwas wie Sinn und (komplexe) Symmetrien zu schaffen. Das muss keine Qual sein. Die Qual wäre vielleicht, es nicht zu tun.

Allerdings:

Text an Berliner Wand: Das ist nicht zuende gedacht

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2 Comments

  1. Susann

    Ach Julia, du hast ja total recht. Und weil es gerade eine solche Quälerei ist, prokrastiniere ich im Netz herum, statt weiterzuschreiben. Aber dein Blog ist davon natürlich ausgenommen. Hier zu lesen ist Vergnügen.

    Kommentar by Susann on 18. Februar 2013 at 13:49

  2. Danke! Ein bisschen Rumprokrastiniererei kann ja auch sehr tröstend sein. Macht Philip Roth bestimmt zwischendurch aus. Übrigens (Update!) habe ich überlegt, dass er diesem jungen Autoren bestimmt deswegen vom Schreiben abgeraten hat, weil er genervt war, von dem überhaupt angesprochen zu werden. Da saß er nämlich gerade in einem Café und guckte auf sein Telefon. Und statt in Ruhe im Internet surfen oder sonstwas Smartphoniges machen zu können, wurde er vom aspirierenden Jungschriftsteller belästigt.

    Kommentar by RitterJulia on 18. Februar 2013 at 13:54

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