Buchempfehlung für kreative Menschen mit Hang zu Stimmungstiefs: The Van Gogh Blues

Vincent van Gogh ohne Hut und ohne Ohrverband

Vincent van Gogh, Selbstporträt 1888

Vincent van Gogh war kein rundum glücklicher, ausgeglichener Mensch. Für Eric Maisel, Autor von The Van Gogh Blues: The Creative Person’s Path through Depression, litt van Gogh unter Depressionen, die durch eine Sinnkrise verursacht wurden. Schöpferische Menschen sind für Sinnkrisen dieser Art besonders empfänglich, so Maisel, weil ihnen Sinn und Bedeutung nicht egal sind. Im Gegenteil: Immer wenn sie etwas erschaffen, sei es ein Gemälde, ein Gedicht oder etwas anderes, erschaffen sie damit auch Bedeutung. In dem Moment, in dem sie an der Bedeutung zweifeln oder nicht mehr in der Lage sind, sie zu schaffen, droht ihnen die Depression.

Eric Maisel ist Psychotherapeut und Kreativitäts-Coach, was bedeutet, dass er mit Malern, Schauspielern, Schriftstellern und sonstwie schöpferisch Tätigen arbeitet, die an Blockaden und kreativen Krisen leiden. Zu dem Thema hat er mittlerweile sehr (!) viele Bücher geschrieben, vielleicht ein bisschen zu viele, aber das kann wohl nur beurteilen, wer sie alle gelesen hat (also nicht ich).

Mit Existenzialismus gegen die Sinnkrise

Sein Ansatz in The Van Gogh Blues ist existentialistisch: Die Welt an sich ist bedeutungslos, sinnlos. Wer im Leben nicht zwanghaft nach Bedeutung oder Sinn sucht oder wer in äußeren Gegebenheiten wie beruflichem Erfolg, stabilen Beziehungen oder Religion Sinn findet, hat damit wenig Probleme. Kreative Menschen aber, so Maisel, müssen selbst immer wieder Bedeutung schaffen. Fühlen sich kreative Menschen depressiv, so ist diese Krise immer eine Sinnkrise. Die kreative Arbeit scheint keine Bedeutung mehr zu haben, oder es gelingt nicht, bedeutungsvolle, sinnvolle Arbeit zu tun.

Sinn als Willensanstrengung

Der Weg aus dieser Sinnkrise besteht für Maisel darin, dem eigenen Leben bewusst und absichtlich Sinn zu geben – und das Leben dann an diesem Sinn auszurichten. Hierzu verschreibt er vier Schritte, vier „Absichten“ (intentions), die man sich bewusst machen soll:

  1. Einen Lebensplan formulieren und verfolgen, der sich sinnvoll anfühlt.
  2. Formulieren, was bedeutungsvolle, sinnvolle Arbeit bedeutet und diese Arbeit verrichten.
  3. Überlegen (und formulieren), wie man die restliche Zeit mit Sinn und Bedeutung füllen kann und versuchen, das auch umzusetzen.
  4. Diese drei vorherigen Absichten in die Tat umsetzen und miteinander vereinbaren.

Lebensplan? Ehrlich?

Das klingt im ersten Moment sehr ausgedacht. Ich fand die Vorstellung abschreckend, mein Leben derart zu planen und dann auch noch überlegen zu müssen, wie ich meine gesamte Zeit sinnvoll verbringe. Der Trick ist allerdings, dass der Sinn hier sehr individuell ist. Es geht nicht darum, irgendwelche ethischen oder gesellschaftlich anerkannten sinnstiftenden Prinzipien umzusetzen. Sondern darum, das eigene Leben so zu leben, dass es sich sinnvoll anfühlt und nicht nur wie eine einzige Durchwurstelei. Ein Lebensplan kann einfach heißen, dass man so viele unterschiedliche Erfahrungen wie möglich machen und das Erlebte künstlerisch umsetzen will. Oder dass man eine gute Mutter sein und gleichzeitig seine Vision als Filmemacherin umsetzen will. Was einem eben so wichtig ist.

Cover von "The Van Gogh Blues"

Bedeutungsvolle Arbeit

Mit bedeutungsvoller oder sinnvoller Arbeit meint Maisel die kreative Arbeit, die man verfolgt. Auch hier geht es vor allem darum, herauszufinden, was sinnvolle Arbeit ist. Man kann einen Bestseller nach dem anderen schreiben, aber dabei ungewollt in einem Genre feststecken. Oder sprachlich immer vollkommener werden, aber dabei nichts mehr aussagen. Wichtig ist, dass das, was man erschafft, einem selbst sinnvoll und wertvoll erscheint. Nur derart sinnvolle Arbeit hilft gegen Sinnkrisen und Depression.

Sinnvoller Zeitvertreib

Man kann nicht den ganzen Tag schreiben, malen, filmen oder singen. Irgendwann muss man was anderes machen. Und selbst wenn man Essen und Schlafen abzieht, bleibt genug Zeit, in der die kreative Person sinnlosen Unfug machen kann, der sie letztlich wieder depressiv werden lässt. Maisel empfiehlt so eine Art Mischung aus Achtsamkeit und Tagträumerei: Was immer man tut, wenn man gerade nicht schöpferisch ist, kann man entweder mit voller Absicht tun oder dabei an die kreative Arbeit denken. Wenn man zum Beispiel mit seinem Kind redet, wäre die erste Variante besser (zumal der Lebensplan vielleicht beinhaltet, eine gute Mutter zu sein, s.o.). Wenn man joggen geht, Wäsche aufhängt oder auf einer langweiligen Party rumsteht, bietet sich die zweite Variante an.

… und jetzt alle zusammen!

Die vierte Absicht – die darin besteht, die ersten drei koordiniert in die Tat umzusetzen – ist wahrscheinlich am schwierigsten. Man hat ja nicht immer Zeit für die sinnvolle Arbeit, weil die vielleicht gar kein Geld bringt. Also macht man sinnlose Arbeit gegen Geld und tröstet sich anschließend mit sinnlosen Zeitverschwendungen oder Dingen, die gegen den Lebensplan laufen. Oder der Lebensplan klingt auf einmal total ausgedacht und blöd. Maisels Lösung hier lautet, kurz zusammengefasst: Durchhalten! Die Zusammenfassung ist zwar richtig, aber auch etwas unfair, weil dies die zweite Hälfte des Buches ausmacht. Und weil hier die eigentliche Arbeit anfängt. Für mich war vor allem Maisels Ansatz sehr erhellend. Es geht darum, Sinn und Bedeutung zu schaffen. Bedeutungslose Arbeit macht unglücklich. Eigentlich nichts Neues, aber Maisel erklärt es sehr eindringlich und überzeugend. Und die Hinweise zur Umsetzung sind ebenfalls lesenswert.