Tagebuch schreiben

Ziegelstein in Berlin mit Aufschrift: Nimm dich nicht zu ernst!

Es ist nicht ganz klar, was der Autor hier sagen will. Aber "nimm dich nicht zu ernst" ist eigentlich immer ein guter Ratschlag

 

Tagebuch schreiben: Das macht man offensichtlich nicht einfach nur so. Sonst gäbe es nicht so viel Ratgeber und Anleitungen zum Thema. Und natürlich hab ich viel zu viele davon gelesen oder zumindest durchgeblättert. Zuletzt “Schreiben Tag für Tag” von Christian Schärf, einen der Titel in dieser neuen “Kreatives Schreiben”-Reihe aus dem Duden-Verlag. Die mit der Moleskine-Anmutung, die so weit geht, dass es sogar ein Blanko-Buch in passender Aufmachung gibt. Da kann man dann auch Tagebuchaufzeichnungen drin machen, aber bitte nicht einfach so!

Denn wie Hanns-Josef Ortheil, Herausgeber der Reihe, im Vorwort zu “Schreiben Tag für Tag” erklärt: “In Wahrheit ist das Tagebuch keineswegs eine harmlose literarische Gattung, die einem alles erlaubt.” Wer das nicht erkennt und einfach so drauflos schreibt, muss sich den ernüchternden Tatsachen spätestens dann stellen, wenn er nach einigen Wochen liest, was er geschrieben hat. “Nach dieser Lektüre”, so Ortheil, “weiß man sofort: So geht das nicht weiter.” Also braucht man die fachkundige Hilfe von Experten wie Christian Schärf, um nicht weiter belangloses Zeugs zu schreiben.

Oder auch nicht. Zwar sind einige der Vorschläge, die Schärf macht, ganz inspirierend. Und es ist sicher interessant, eine bestimmte Art Tagebuch zu schreiben, das “Arbeitsjournal” zum Beispiel oder “Das Arsenal der Ideen”. Inspirierend und berührend sind auch die vielen Auszüge aus Tagebüchern berühmter Autoren. Sie machen Lust darauf, mehr zu lesen. Aber die Einteilung dieser Zitate – und überhaupt des Tagebuchschreibens – in bestimmte Tagebuchtypen ist doch sehr willkürlich. Ich bin mir sicher, dass die Zitierten sich nicht auf ein Tagebuch-Subgenre beschränkt haben, sondern auch mehr oder weniger alles geschrieben haben, was ihnen einfiel und wichtig war.

Es ist natürlich eine Definitionsfrage. Aber für mich ist das Tagebuch zuallererst eine Möglichkeit, frei von äußeren Erwartungen und Formen zu schreiben, alles auszuprobieren und nur die Regeln zu befolgen, die mir gerade passend scheinen. Vielleicht auch ein paar der Regeln aus “Schreiben Tag für Tag” (wobei ich dazu bisher keinen großen Drang verspürt hab). Aber ganz sicher nur punktuell und nicht über lange Zeiträume, wie Schärf vorschlägt. Allerdings ist es mir auch egal, ob ich bei einer etwaigen späteren Lektüre mit Nichtigkeiten konfrontiert werde. Ich wäre ja die einzige Leidtragende.

3 Comments

  1. Ich finde, es macht einen Unterschied, ob man Tagebuch – im ganz ursprünglichen Sinne – nur für sich selbst schreibt oder ob man es schreibt, um es vielleicht zu veröffentlichen. Viele der Beispiele, aus denen in dem Buch zitiert wird, waren von Anfang an eher auf Veröffentlichung angelegt. Beispielsweise das Tagebuchprojekt von Clemens Meyer. Und da gibt das Büchlein einige ganz gute Anregungen, wie ich finde. Wenn man wirklich in erster Linie „für sich“ schreibt, dann sind Regeln perse eher hinderlich. Denn sie blockieren eher als dass sie öffnen.

    Kommentar by Andrea on 8. April 2012 at 21:01

  2. Da hast du Recht, wenn man mit dem Tagebuch einem bestimmtes Thema nachgehen und/oder es auch für andere schreiben will, sind die Vorschläge super. Mich stört allerdings der Einstieg, dieses Voraussetzen, dass Tagebuchschreiben „nur so“ verwerflich und langfristig sinnlos ist. Und (nicht nur in diesem Band der Reihe) diese strenge Hierarchie – ich weiß nicht, ob das typisch für Germanisten ist, aber auf mich wirkt da vieles unnötig kompliziert, als ob die intellektualisierte Verpackung den Gedanken erst wertvoll macht.

    Kommentar by RitterJulia on 22. April 2012 at 14:24

  3. Hallo Julia,
    das Tagebuchschreiben ist und bleibt eine individuelle und kreative Möglichkeit des Selbstausdrucks. Deshalb können Vorschläge immer nur eine Anregung sein, mehr nicht. Manche Ideen können jedoch sehr hilfreich sein. Wer länger Tagebuch schreibt, wünscht sich oft eine gewisse Struktur beim Schreiben. Zielgerichtet schreiben zu einem ausgewählten Thema, finde ich sehr hilfreich. Ich hoffe, dir bleibt die Freude am Schreiben enthalten.
    Gruss Helen

    Kommentar by Helen on 20. Juli 2012 at 12:44

Leave A Comment!