Buchempfehlung: If You Want to Write

Das beste Buch übers Schreiben, das ich kenne (und ich kenne sehr viele) wurde 1938 geschrieben: Brenda Uelands If You Want to Write. Brenda Ueland gibt keine Tipps zu Plotentwicklung, Charakterisierung, Dialogen und Struktur. Stattdessen schreibt sie darüber, wie es sich anfühlt, zu schreiben. Über Inspiration, das Wesen von Kunst, den Mut zur ganz eigenen Sicht auf die Welt, Freiheit und den Versuch, das auszudrücken, was die eigene Seele berührt.

Ueland zitiert u. a. William Blake, Vincent van Gogh, Tolstoi und Tschechow und schafft es dabei, niemals prätentiös zu wirken, was daran liegt, dass sie mit den Zitierten eine Leidenschaft für Kunst und fürs Leben teilt, die sie an die Leser weitergibt. If You Want to Write ist keine Schreibanleitung und erst Recht kein typischer Selbsthilfe-Ratgeber. Es ist eine Art Pamphlet, ein sehr persönlicher Brief an Menschen, die schreiben (oder sonstwie kreativ) sein wollen. Es ist großzügig, mitreißend, leidenschaftlich und sehr persönlich.

Brenda Ueland, sitzend im Profil

Brenda Ueland, ca. 1930

Eine meiner Lieblingsstellen gibt einen guten Eindruck von Uelands Stil, der hier etwas rabiat wirkt, aber auch sehr warmherzig und mitfühlend sein kann:

I read in Harper’s Magazine a few years ago an article by a highly educated man wherein he told with what conscientious pains he had brought up all his children to be skeptical of everything, never to believe anything in life or religion or their own feelings without submitting it to many rational doubts, to have a persistent, thoroughly skeptical, doubting attitude toward everything. In other words to weazen and kill in themselves all spontaneous love, passion, enthusiasm, all creative power. I think he might as well have taken them out in the backyard and killed them with an axe.

(Vor ein paar Jahren las ich im Harper’s Magazine den Artikel eines sehr gebildeten Mannes, der berichtete, mit welch gewissenhafter Hingabe er alle seine Kinder zu universalem Skeptizismus erzogen hat. Sie sollten nichts im Leben, in der Religion oder in ihrer eigenen Gefühlswelt glauben, ohne es zunächst vielen rationalen Prüfungen zu unterziehen, allem sollten sie durch und durch skeptisch und zweifelnd begegnen. Anders gesagt: Er hat in ihnen jegliche spontane Liebesfähigkeit, Leidenschaft, Begeisterung und sämtliche kreative Energie verstümmelt und abgetötet. Ich denke, er hätte sie ebenso gut in den Garten führen und mit einer Axt erschlagen können.)

Schön sind auch die Titel der einzelnen Kapitel, zum Beispiel diese:

  • Why Women Who Do Too Much Housework Should Neglect It for their Writing
  • Be Careless, Reckless! Be a Lion! Be a Pirate! When You Write
  • Keep a Slovenly, Headstrong, Impulsive, Honest Diary

Brenda Ueland war Journalistin und hat Schreibwerkstätten geleitet. Sie zitiert ausgiebig aus den Texten ihrer Workshop-Teilnehmer, und diese Texte sind zum Teil herzzerreißend – auch deshalb, weil die Autoren unbekannt geblieben sind, heute vielleicht gar nicht mehr leben. Für mich zeigt das gerade, dass Unsterblichkeit und bleibender Ruhm nicht wichtig sind. Wichtig ist, was das Schreiben den Schreibenden bedeutet hat. Und dass ich etwas von ihren Sichtweisen, Beobachtungen und Gefühlen – oder vielleicht auch etwas ganz anderes – verstehe und sehe, wenn ich die Texte über 70 Jahre später lese. Die Texte kommen aus einer anderen Zeit, aber was Ueland daran illustriert bleibt zeitlos.

Die deutsche Übersetzung von If You Want to Write heißt Die Lust zu schreiben und ist bei Zweitausendeins erschienen. Dort scheint sie leider nicht mehr erhältlich zu sein; bei Amazon und über ZVAB bekommt man sie aber noch (bei Amazon ist es günstiger). Ob die Übersetzung gut ist, weiß ich nicht.

Foto: Wikipedia

3 Comments

  1. Dieses Buch habe ich schon lange und schätze es sehr!
    Kann man gar nicht oft genug empfehlen!
    Liebe Grüße
    Textine Jutta B.

    Kommentar by Jutta on 19. März 2012 at 09:51

  2. Wenn es hier einen „Like“-Button gäbe (oder hab ich den übersehen…) hätte ich den jetzt wohl frenetisch angelickt :).

    Nicht nur der Textausschnitt, auch Dein Zugang zum Thema Schreiben ist toll. Weil Deine Zeilen Lust machen sich weiter auszuprobieren und die Zeit, die man hat, zu nutzen für etwas, was man mag.

    Kommentar by Marianna on 29. April 2013 at 17:34

  3. Danke! Like-Buttons gibt es nicht, aber ich freu mich umso mehr über den netten Kommentar!

    Kommentar by RitterJulia on 30. April 2013 at 16:15

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