Schreiben zwischen Büchern

Abblätternde Strukturtapete mit darunter liegendem Muster in der Stabi Ost, Berlin

Ich kann nicht zuhause schreiben. Also gehe ich meistens in ein Café, dessen Namen ich nicht nennen werde, weil es sowieso manchmal zu voll ist. In dem Café sitzen oft Mütter mit ihren Kindern und vielen Kinderwagen. Dabei liegt es nicht in Prenzlauer Berg. Die Kinder stören mich nicht beim Schreiben, die Mütter meistens auch nicht; manchmal höre ich gerne den Gesprächen zu und denke an die Zeit, als mein Kind noch klein war und ich mich über ähnliche Themen unterhalten habe. Vor allem gibt es in dem Café sehr leckeres Gebäck. Ich gehe nachmittags hin, wenn ich hungrig bin, und esse Scones. Weil ich jeden Nachmittag hungrig werde, gehe ich fast jeden Tag ins Café und schreibe. Nicht viel, nicht lange, aber jeden Tag ein bisschen.

Die kurzen Schreibeinheiten reichen mittlerweile nicht mehr aus. Ich habe viele kleine Schnipsel und muss die sortieren. Dabei habe ich Angst, die Übersicht zu verlieren (oder überhaupt nie eine zu bekommen) und dementsprechend viele Widerstände. Ich muss mich konzentrieren, gleichzeitig strukturiert und offen an den Textwust herangehen und vor allem etwas mehr Zeit damit verbringen. Also gehe ich jetzt öfter in die Bibliothek zum Schreiben. Genauer gesagt: Ich habe vor, öfter in die Bibliothek zu gehen. Bisher war ich zweimal da; das erste Mal hab ich nur einen Nutzerausweis beantragt.

Türklinke mit goldenem Löwenkörper an der Eingangstür zur Stabi Unter den Linden

In Berlin gibt es einige Bibliotheken zur Auswahl. Die derzeit beliebteste ist wahrscheinlich das Gebrüder-Grimm-Zentrum, da stehen die Studenten Schlange, hab ich mir sagen lassen. Der Klassiker ist die Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße, ein architektonisches Meisterstück, entworfen von Hans Scharoun. Dort habe ich vor langer Zeit versucht, eine Doktorarbeit zu schreiben. Es ist ein sehr schöner Bau mit sehr schlechtem Raumklima. Ich bin immer eingeschlafen und die Doktorarbeit wurde nie fertig. In die StaBi West wollte ich nicht wieder, sie ist auch so weit weg. Stattdessen habe ich mir die StaBi Ost ausgesucht, sie liegt Unter den Linden und ist kaum zu sehen, da komplett eingerüstet. Auch der Innenhof ist eingerüstet, man geht durch überdachte Baustellengänge, bis man vor der Eingangstür steht.

Blick ins Treppenhaus der Staatsbibliothek Unter den LindenInnen ist die StaBi Ost wunderschön. Etwas schedderig, teilweise mit Plastikplane eingekleidet und zuletzt in den Sechzigern neu möbliert (vielleicht sind ein paar der Tische aus den Achtzigern, aber die stechen auch hervor). Ich hoffe sehr, dass nach den sicherlich notwendigen Bauarbeiten kein Geld mehr für neue Tische, Stühle und Teppiche da ist. Vielleicht sehen die Angestellten der StaBi das anders, denen ich sämtliche Annehmlichkeiten des Bibliothekarsalltags wünsche, aber ohne neugestaltete Lesesäle. Wenn ich durch das leicht baufällig wirkende Treppenhaus in den ersten zweiten Stock gehe, an zugemauerten Türen und dem Durchgang zum “Zwischengeschoss” vorbei, freue ich mich über den Geruch, der mich an das Haus meiner Großmutter erinnert.
Das Beste ist, dass man hier wirklich gut arbeiten kann. Es ist nicht voll, die Luft ist gut, heute Nachmittag war kein Baulärm zu hören und die Stimmung ist herrlich melancholisch und unaufdringlich, beinahe zeitlos. Ideal zum Schreiben.

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